IST SEX AUCH ZUM ENTSPANNEN DA?

Sexualpädagogische Angebote für Jugendliche

Sexualität - ein spannendes Thema

Nicht nur, aber auch und besonders für Jugendliche, die neugierig vor ihren ersten Erfahrungen stehen oder diese schon gemacht haben.

Sexualität - ein wichtiges Thema

Eindrücke aus dem eigenen Umfeld wie auch aus Medien und Internet prägen das eigene Bild und den eigenen Umgang mit Sexualität. Alle möglichen Informationen und Bilder sind oft nur einen Mausklick entfernt und wahllos verfügbar.

Sexualität - ein heikles Thema

Wo kann man Fragen offen stellen, ohne als dumm da zu stehen, ohne, dass es peinlich ist? Manchmal bei den Eltern, manchmal bei Freundinnen und Freunden, manchmal in der Schule. Aber sicher nicht immer.

Unser Angebot

Wir richten uns sowohl an Schulen als auch an andere Jugendgruppen. In geschützter Atmosphäre bieten wir die Möglichkeit dieses spannende Thema offen anzusprechen. Es kann um Verhütungsmethoden und „Das erste Mal“ genauso gehen wie um Werte und Normen in der Liebe und vieles mehr. In jedem Fall geht es um die persönlichen Fragen der Jugendlichen, die wir im Vorfeld eines gemeinsamen Projektes sammeln.  

Schwerpunkt Sexualpädagogische Angebote


Sexualpädagogische Arbeit an Schulen
Einleitung
In 97 Veranstaltungen hatten wir im letzten Jahr über 1300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei unseren sexualpädagogischen Projekten, die meisten zwischen 14 und 15 Jahren. Wir möchten diesen Jahresbericht nutzen, um unsere Erfahrungen und Eindrücke zu schildern, ebenso wie die Fragen, die Jugendliche zum Themenbereich „Sexualität“ stellen und einige unserer Antworten darauf.
 
Insbesondere möchten wir einige Dinge aufzeigen, die uns besonders aufgefallen sind:
➸ Gesellschaftliche Konflikte, die sich auch im Klassenzimmer widerspiegeln
➸ Einblicke in viel zu frühe Sexualisierung und zum Teil traurige und schockierende Lebenswelten der sehr jungen Menschen (siehe die Zitate im Text)
➸ Die Sehnsucht und die Bereitschaft der Jugendlichen, über ihre Gefühle, Ängste, Überforderungen auf sexuellem Gebiet sprechen zu können.
 
Am Ende des Textes haben wir unter der Überschrift  „Sexualpädagogik in der Diskussion“ zusammengefasst, was wir als Dilemma und Aufgabe unserer sexualpädagogischen Arbeit sehen. Über Rückmeldungen würden wir uns sehr freuen!
 
 
Typisch Mädchen – Erfahrungen in den Mädchengruppen
Grundsätzlich betonten die Mädchen immer wieder, dass es für sie gut war, die angekündigten Themen Liebe, Freundschaft, Sexualität  mit allen für sie relevanten Fragen ohne Anwesenheit der Jungen besprechen zu können. Gerade Fragen zu schambesetzten Themen trauten sie sich hier viel eher an- und auszusprechen.
In den zuletzt von uns besuchten Klassen eines Gymnasiums ging es vermehrt um das Thema Beziehungen, guten Umgang miteinander und das Thema Menstruation. Die große Mehrheit dieser Mädchen wollte mit den Themen Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft wenig bis nichts zu tun haben. Sie berichteten, dass sie bereits in der Grundschule damit konfrontiert waren und es vielfach sehr negativ und belastend erlebt hatten (sehr deutliche Bilder von Geschlechtsorganen, persönliche Schilderungen von Geschlechtsverkehr und ähnliches). In der 6. Klasse hatten die Schülerinnen das Thema Menstruation im Biologieunterricht besprochen. Diesen Zeitpunkt fanden die Mädchen stimmig, dennoch sagten die meisten von ihnen, dass sie viele Fragen im Unterricht nicht gestellt hätten, da es ihnen vor den Jungen peinlich war.
Das Thema Jungen war für die Mädchen grundsätzlich spannend. Das Verhalten der Jungen stieß teilweise auf großes Unverständnis bei den Mädchen (sich prügeln, Essen durch die Klasse werfen, Sprüche zum Aussehen der Mädchen, öffentlich geäußerte Vermutungen darüber, welches der Mädchen wohl gerade seine Tage habe, etc.). Oft löste dies bei den Mädchen Verletzung und Scham aus, auch wenn ihnen klar war, dass die Jungen ihre Bemerkungen nicht unbedingt böse meinten. Die Schülerinnen interessierten sich sowohl für Möglichkeiten zur Abwehr solcher Bemerkungen wie auch für einen guten Umgang mit den Jungen, z.B. in Beziehungen. Auch der freundschaftliche Umgang der Mädchen untereinander war ein wichtiges Thema, ebenfalls verbunden mit dem Wunsch nicht böswillig zu verletzen (beste Freundin verabredet sich mit einem anderen Mädchen, Mädchen verliebt sich in den Exfreund der besten Freundin…).
In den Hauptschulklassen ging es vermehrt um die Themen: mögliche Schwangerschaft, Verhütung, das erste Mal, Jungfräulichkeit, Menstruation und Beziehungen und immer wieder auch um Homosexualität.
Es trafen fast immer Kinder aus vielen unterschiedlichen Kulturen in den Klassen aufeinander. Ein hohes Konfliktpotential gab es oft bei dem Thema „Jungfräulichkeit“. Für die muslimischen Schülerinnen ist die Bewahrung der Jungfräulichkeit bis zur Ehe unvermeidlich. Nur dadurch, so berichteten sie immer wieder (und  gleiches ist uns auch aus der Schwanger­schaftskonfliktberatung bekannt), kann die Ehre der Familie und besonders die des Vaters erhalten bleiben. Für die Mädchen ist es eine hohe Belastung, falls ihre Jungfräulichkeit angezweifelt werden sollte. Daher ist das intakte Hymen von größter Bedeutung.
Besonders unversöhnlich standen oft die muslimischen Mädchen, die ein Kopftuch trugen, den Mädchen gegenüber, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hatten, oder sich sehr offen dafür zeigten, sie bald zu machen. Schwierig hatten es oft auch die Mädchen muslimischen Glaubens, die kein Kopftuch trugen. Sie wurden von den Mädchen mit Kopftuch als nicht ganz so gute Muslimas angesehen. Manchmal  trat die Gruppe der Kopftuchtragenden sehr forsch und selbstbewusst auf. Bis hin zu deutlicher Geringschätzung und direkter Ablehnung anderer Haltungen und Sichtweisen.
Hier versuchten wir darauf hinzuwirken, respektvoll miteinander umzugehen. Die andere Meinung muss nicht geteilt werden, sie kann auch abgelehnt werden, aber nicht der Mensch der sie vertritt. Beschimpfungen dulden wir dabei nicht.
Manche der kopftuchtragenden Mädchen empfanden, dass sie aufgrund der sexuellen Enthaltsamkeit bis zur Ehe immerhin vor der sexuellen Anmache durch die Jungen und dem Druck frühe sexuelle Erfahrungen machen zu „müssen“, geschützt waren.
Das Thema Homosexualität war relativ häufig nachgefragt. Im Gespräch darüber zeigten sich Haltungen von Toleranz bis zu totaler Ablehnung.  Einig waren sich fast alle, dass man sich als homosexuelle(r) Schüler/Schülerin  im schulischen  Alltag eher unauffällig verhalten sollte. Man ging davon aus, dass die Betroffenen ansonsten negative Sprüche und Ausgrenzung befürchten müssten.
Die 1,5 stündigen Gespräche in den Mädchengruppen waren häufig sehr persönlich. Es gab meistens einige Mädchen, die von eigenen Erfahrungen wie „Das erste Mal“, sexuellen Übergriffen und Gewalterfahrungen in Beziehungen berichteten. Immer wieder sagten Mädchen, die schon Geschlechtsverkehr hatten, dass sie sich auch darauf eingelassen hatten, um die Beziehung nicht aufs Spiel zu setzen. Wenn sie sehr früh, mit 13 oder 14 Jahren schon das ,,erste Mal“  hatten, sagten sie mit 15/16 Jahren meist, dass es zu früh war, und sie anderen Mädchen eher raten würden etwas länger zu warten.
Die meisten Mädchen hatten ihre Periode mit 11 und 12 Jahren bekommen.
Das Wissen über den Menstruationszyklus ist gering. Hier vermittelten wir Grundkenntnisse über das Zyklusgeschehen, damit die Wirkweise von hormonellen und anderen Verhütungsmitteln verstanden werden kann und warum es bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr zu einer Schwangerschaft kommen kann. Zur Verdeutlichung haben wir einen Zykluskalender entwickelt, den wir den Schülerinnen nach den Projekten aushändigen. Wir haben dem Jahresbericht je ein Exemplar beigelegt.
In den Mädchengruppen kam es häufig zu interessanten und intensiven Gesprächen. Es wurde deutlich, dass die Mädchen sich oft mehr Solidarität untereinander wünschen.
 
 
Typisch Jungen – Erfahrungen in den Jungengruppen
Schon die Fragen der Jungen unterschieden sich meist deutlich von denen der Mädchen: Jungs stellten viel mehr Fragen direkt zum Thema Sexualität und miteinander schlafen. Fragen zu Verhütung, sexuellen Krankheiten, Schwangerschaft oder Liebe/Partnerschaft kamen viel seltener. Immer dabei waren Fragen nach bestimmten sexuellen Praktiken bis zu vermeintlichen Sensationen oder Abartigkeiten. Angefragt wurde aber auch „Das erste Mal“ oder „Wie fühlt sich Sex an?“. Nach wie vor lassen viele der Fragen Schlüsse auf die weite Verbreitung von Pornografieerfahrung vieler Jungen zu. Im Gespräch mit den Jugendlichen zeigte sich aber längst nicht nur die Neugier auf sexuelle Erfahrungen, sondern auch der Wunsch nach Partnerschaft und Vertrautheit.
In den Veranstaltungen selber entstand oft eine angenehm lockere Atmosphäre, meistens mit Ausschlag zu „lustig und konstruktiv“, manchmal mit Ausschlag zu „ laut und Gespräch kaum noch möglich“. Die Atmosphäre wurde von den Jugendlichen bei Abschlussrunden häufig als positiv hervorgehoben genau wie das ernsthafte Beantworten der Fragen. Es kam zwar oft die Rückmeldung „Vieles wusste ich schon“, doch wenn der Gebrauch des Kondoms intensiv besprochen wurde, zeigten sich häufig spätestens beim Ausprobieren am Modell große Wissenslücken.
Als teils geradezu eklatant empfanden wir die Unterschiede zwischen den Schulformen, z.B. zwischen den Klassen der Stufe 7 eines Gymnasiums und den entsprechenden Hauptschulklassen. Schon der optische Eindruck ließ die Hauptschüler älter erscheinen. Während am Gymnasium Diskussionen aufkamen zu Schwangerschaftsabbruch oder zur Frage, wie man eine Beziehung beendet, ohne jemanden zu verletzen, war es an der Hauptschule nicht selbstverständlich, dass man länger bei einem Thema verweilte, sich gegenseitig zuhörte oder gar auf den Beitrag des Vorredners einging. Nicht selten wurden noch nicht mal die Antworten auf die eigenen Fragen in Ruhe abgewartet, bevor wieder das Gespräch mit dem Nachbarn aufgenommen wurde. Dafür wiederum wurden hier Fragen, die bei allen Jugendlichen da waren, oft viel ehrlicher, offener und unverkrampfter gestellt. Sehr unterschiedlich auch, dass die Jugendlichen am Gymnasium Beispiele von Teenagerschwangerschaften eher nur aus dem Fernsehen kannten, die Hauptschüler viel öfter aus der Schule oder dem Bekanntenkreis. Die Jungen stellten generell weniger offenkundig persönliche Fragen, in den Hauptschulklassen wurde diese Zurückhaltung und Vorsicht aber tendenziell eher aufgegeben und damit das Vertrauen dem Referenten gegenüber zum Ausdruck gebracht.
In einigen Fällen an einer Hauptschule und an einem Berufskolleg sahen wir uns mit extremen Einstellungen konfrontiert, die manchmal auch das eigene Verständnis für die Zielgruppe an die Grenze brachte. Beispielhaft genannt seien hier die extreme Ablehnung von Homosexualität in mehreren Fällen, die Einstellung einer Gruppe muslimischer Jugendlicher, dass Sex vor der Ehe für Frauen absolut tabu sei, für Männer gelte dies jedoch nicht oder auch die extrem bedrückende Atmosphäre für die ruhigen Schüler einer achten Klasse durch Bemerkungen und Beleidigungen von zwei Mitschülern. Wir reagieren darauf immer mindestens mit einer deutlichen Stellungnahme gegen beleidigende Äußerungen und Extremmeinungen. In Ausnahmefällen bei Beleidigungen innerhalb der Klassengemeinschaft geben wir Informationen an den Klassenlehrer weiter.
 
 
Verschwinden der sexuallosen Zeit
Unabhängig von der Schulform erreichen uns ab Klasse sechs jedes Mal Jungenfragen, die sich hauptsächlich ganz gezielt und unverblümt auf bestimmte sexuelle Praktiken oder sexuelle „Leistungsfähigkeit“ beziehen.
Im Gespräch insbesondere in den Mädchengruppen werden uns immer wieder Beispiele geschildert, die belegen, dass Sexualität bzw. die Ausübung von Sexualität ein sehr präsentes Thema ist. Von der oben zitierten 12-Jährigen, die der eigenen Aussage nach schon sexuell aktiv ist  bis hin zu dem 15-Jährigen, der angesichts seiner möglichen Vaterschaft ganz abgeklärt sagt, da müsse aber erst mal ein Vaterschaftstest gemacht werden. Darüber hinaus erlebten wir auch immer wieder, dass Mädchen sich auf sexuell ausnutzende Beziehungen teils mit Gewalterfahrung einließen.
Wenn uns das alles auf die These vom „Verschwinden der sexuallosen Zeit“ bringt, so ist damit die Verschiebung der Grenze der detaillierten Präsenz des Themas gemeint, wie auch die Ausübung von Sexualität bei sehr jungen Menschen, die zumindest vor dem Gesetz noch Kinder sind.
 
 
Sexualpädagogik in der Diskussion
Der von der Bundesregierung eingesetzte Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs wird in der Rheinischen Post zitiert mit „Sexualpädagogik sollte das Thema aber nicht restlos ausleuchten und auch nicht über alle denkbaren Details und sexuellen Praktiken und Vorlieben der Erwachsenensexualität informieren“ (Rheinische Post, 13.11.2014). Eigentlich möchten wir dem uneingeschränkt zustimmen. Nur sind die „Praktiken und Vorlieben der Erwachsenensexualität“ längst im Kinderzimmer angekommen und werfen dort eine Menge Fragen auf. Was also tun mit solchen Fragen? Und bei Fragen bleibt es ja nicht. Was also tun mit den 70% Porno erfahrenen 13-Jährigen (Umfrage Frauen beraten/donum vitae e.V. Rhein-Kreis Neuss 2012) und mit Schwangeren bzw. Vater werdenden 14-Jährigen, mit denen wir in unserer Arbeit konfrontiert werden? In diesem Dilemma und in dieser Verantwortung stehen wir mit unserer sexualpädagogischen Arbeit.
Erwachsene, besonders die Eltern, aber auch Pädagogen/Innen, sind gefordert, Grenzen zu setzen, damit kindliche Grenzen nicht überschritten werden, damit Kinder nicht von Bildern und Fragen überfordert werden und sich Dinge und Handlungen zumuten, deren Folgen sie nicht abschätzen und die sie nicht verantworten können. Erwachsene sind aber auch gefordert, die vorhandenen Fragen aufzugreifen und altersgerecht zu beantworten.
Das ist genau das, was wir mit unserer Arbeit wollen: Zuhören, offen sein, Ansprechpartner /Innen sein, etwas entgegensetzen können, Orientierung anbieten, wo es sonst keine gibt. Wir möchten altersgemäß und auch kindgerecht arbeiten und daher nicht jedes Thema in aller Ausführlichkeit in die Kinderwelt hinein bringen, das unserer Meinung nach dort nicht hingehört. Wir sehen aber auf der anderen Seite, dass Kinder und Jugendliche häufig mit Themen und Fragen aus der Erwachsenenwelt gerade im Bereich des Sexuellen konfrontiert sind, ob sie wollen oder nicht und ohne dass dies immer zu verhindern wäre. Mit diesen Fragen und Themen möchten wir die Kinder nicht gänzlich sich selbst überlassen, sondern  versuchen, respektvoll und nicht überfordernd, Antworten zu geben.